Massentierhaltungsinitiative: So stark steigen Preise für Fleisch - Neue Zürcher Zeitung - NZZ

Die Schweizer Konsumenten müssten bei strengeren Richtlinien für die Tierhaltung mehr für Fleisch oder Eier bezahlen. Das Ausmass der Preiserhöhungen ist aber umstritten. Sicherlich florieren würde der Einkaufstourismus.

Rollschinkli fast nur noch in Bio-Qualität – das wäre eine Folge der Massentierhaltungsinitiative.

Rollschinkli fast nur noch in Bio-Qualität – das wäre eine Folge der Massentierhaltungsinitiative.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

Ist Fleisch zu billig? Wer das bejaht, argumentiert meist, der Fleischkonsum habe viele negative Folgen für die Umwelt, die Gesundheit der Menschen und das Tierwohl. Wenn diese Faktoren richtig berücksichtigt würden, müsste Fleisch teurer sein.

Die Massentierhaltungsinitiative (MTI) will dies beim Aspekt des Tierwohls ändern. Die Schweizerinnen und Schweizer werden am 25. September darüber abstimmen, ob sich die Richtlinien für die Tierhaltung künftig an den Bio-Suisse-Standards von 2018 orientieren sollen. Diese gälten etwa für den Auslauf ins Freie, die Schlachtbedingungen und die Höchstbestände an Tieren pro Stall oder Hof.

1.  Die Preiserhöhungen variieren stark nach Produkt

Wie stark würden die neuen Regeln die Preise für Fleisch und andere tierische Produkte in den Schweizer Supermärkten erhöhen? Die Frage ist relevant: Im Jahr 2019 gab der durchschnittliche Schweizer Haushalt rund 1500 Franken für Fleisch aus sowie rund 1100 Franken für Milchprodukte und Eier. Restaurantbesuche sind dabei nicht mitgerechnet, aber auch diese würden sich potenziell verteuern.

Eine gute Richtgrösse für die künftigen Preise dürften grundsätzlich die heutigen Bio-Preise bilden. Denn mit der Annahme der MTI würden im Grossen und Ganzen Bio-Standards gelten (wobei dies noch zu qualifizieren sein wird).

Die Preisunterschiede zwischen Bio- und Nicht-Bio-Produkten werden in der Schweiz regelmässig vom Fachbereich Marktanalysen des Bundesamts für Landwirtschaft erhoben. Die Daten zeigen, dass Fleisch, Eier und Milch in Bio-Qualität hierzulande je nach Produkt um 10 bis 100 Prozent teurer sind als Nicht-Bio-Produkte.

Die Unterschiede zwischen den wichtigsten Kategorien sind aber gross. Beim Rindfleisch ist Bio beispielsweise nicht viel teurer als Nicht-Bio. Die Preisdifferenz beim Standardprodukt Rindsplätzli à la minute betrug im ersten Halbjahr 2022 17 Prozent. Ein Grund für den relativ kleinen Mehrpreis ist, dass die Richtlinien in der Rinderhaltung auch auf Nicht-Bio-Höfen recht hoch sind, etwa beim Auslauf ins Freie. Zudem enthält die Kategorie Nicht-Bio beim Rind relativ viele Labelprodukte wie IP Suisse.

Beim Poulet ist der Bio-Preisaufschlag besonders gross

Preise in Schweizer Supermärkten pro Kilogramm im Jahr 2022, in Franken

Etwas grösser ist die Preisdifferenz beim Schweinefleisch. So kosten beispielsweise Bio-Schweinsstotzenplätzli derzeit 28 Prozent mehr als konventionell produzierte. Hier unterscheiden sich die Richtlinien stärker als beim Rind.

Mit Abstand den grössten Preisunterschied gibt es beim Pouletfleisch. Für Bio-Pouletbrust müssen die hiesigen Konsumenten fast doppelt so viel bezahlen wie für konventionelle Qualität. Ähnliches gilt für ganze Poulets. Dies liegt hauptsächlich daran, dass sich die Standards für die Haltung und Aufzucht von Mastpoulets zwischen Bio und Nicht-Bio stark unterscheiden. In der Kategorie Nicht-Bio gibt es zudem kaum Labelprodukte.

Die Annahme der MTI würde also vor allem das Pouletfleisch stark verteuern. Dies fällt ins Gewicht, weil Poulet in den vergangenen Jahrzehnten bei der Bevölkerung deutlich an Beliebtheit gewonnen hat – als preiswerte Alternative zum Schwein. Die Schweizer essen heutzutage mehr Geflügelfleisch pro Kopf als Rindfleisch.

Geflügelfleisch gewinnt an Beliebtheit

Pro-Kopf-Konsum in der Schweiz, in Kilogramm

Gesamter Fleischkonsum

Strengere Richtlinien für die Tierhaltung würden nicht nur das Fleisch verteuern, sondern auch andere tierische Produkte. Bei den Legehennen würde der Höchstbestand pro Betrieb von 18 000 Tieren auf den Bio-Standard von 4000 reduziert. Mit Blick auf Eier liegt der Preisunterschied zwischen Bio- und Nicht-Bio-Produkten derzeit bei 40 Prozent. Strengere Anforderungen würden zudem die Haltung von Kühen betreffen. Bei Vollmilch beträgt die Preisdifferenz 25 Prozent.

Auch bei Eiern und Milch gibt es einen Bio-Aufschlag

Preise in Schweizer Supermärkten im Jahr 2022, in Franken

Insgesamt lässt sich auf der Basis der Analyse abschätzen, dass die Ladenpreise bei Annahme der MTI um rund 20 Prozent (Rindfleisch) bis 80 Prozent (Poulet) steigen dürften.

2.  Produzenten und Konsumenten würden sich anpassen

Ob die Preiserhöhungen tatsächlich so stark ausfallen würden, ist aber umstritten. Die Befürworter der Initiative argumentieren, es seien nur Preissteigerungen von «5 bis 20 Prozent» zu erwarten. Als wichtigen Grund nennt ein Sprecher des Initiativkomitees, dass die MTI keine vollständige Umstellung der Betriebe auf Bio-Standard verlange. So sei etwa die Fütterung ausgenommen.

Zudem betreiben im Urteil der Initianten die Grossverteiler Migros und Coop heute eine Preisdifferenzierung: Sie verlangten von den Konsumenten für Bio-Produkte höhere Margen als für konventionelle Erzeugnisse. Wenn es nur noch Produkte von Bio-ähnlicher Qualität gäbe, wäre eine solche Differenzierung nicht mehr möglich, wodurch die Preise sänken. Nach dieser Lesart wären Ladenpreise zu erwarten, die ein gutes Stück unter den heutigen Bio-Preisen lägen.

Im Gegensatz dazu rechnet der Bauernverband, der die Initiative bekämpft, mit Preissteigerungen von «20 bis 40 Prozent». Diese Schätzung beruht auf einem ähnlichen Vergleich von Bio- und Nicht-Bio-Preisen, wie er oben angestellt wurde.

Zwar anerkennt man auch beim Bauernverband, dass die Betriebe nicht vollständig auf Bio umstellen müssten. Hingegen könnten zum Beispiel staatliche Direktzahlungen, die Betriebe mit regelmässigem Auslauf ins Freie erhalten («Raus»-Programm), wegfallen, weil dies künftig Standard für alle Tierhalter wäre. Die Mehrkosten würden dann von den Steuerzahlern auf die Konsumenten verschoben, was erhöhend auf die Ladenpreise wirkte. In dieser Lesart würde man insgesamt wohl in der Nähe der heutigen Bio-Preise landen.

Welches neue Marktgleichgewicht sich nach Annahme der MTI einpendeln würde, ist insgesamt nicht leicht vorauszusagen. Die Übergangsfristen wären lange, die Betriebe hätten bis zu 25 Jahre Zeit für die Umstellung.

Klar ist, dass sich sowohl die Produzenten als auch die Konsumenten stark anpassen müssten.

Auf der Produzentenseite würden sich beispielsweise die Kosten für die Aufzucht von Mastpoulets ungefähr verdoppeln, weil die Bauern viel kleinere Ställe benötigten als heute. Zahlreiche Betriebe würden die Pouletproduktion unter solchen Bedingungen aber verringern oder aufgeben, weil sie sich betriebswirtschaftlich nicht mehr lohnte. Die angebotenen Mengen an einheimischem Pouletfleisch gingen deutlich zurück.

Die Konsumenten wiederum würden weniger Fleisch nachfragen, wenn sich der Preis spürbar erhöhte. Dies wäre für die Initianten ein willkommener Effekt ihres Begehrens. Allerdings gilt dieser nur für im Inland produziertes Fleisch.

3.  Was mit dem Einkaufstourismus passiert

Für die Konsumenten ist eine wichtige Ausweichmöglichkeit der Einkauf von Fleisch im Ausland. Tierische Produkte sind in den Nachbarländern massiv günstiger als in der Schweiz. Dies zeigte etwa ein NZZ-Preisvergleich auf der Basis von Daten des Bundesamtes für Landwirtschaft für das Jahr 2019. In Deutschland und Österreich kostet Bio-Fleisch nur rund halb so viel wie Bio-Fleisch in der Schweiz. Für konventionell produziertes Fleisch liegen die Preise im Ausland sogar bei nur 20 bis 40 Prozent der Bio-Preise in der Schweiz.

Für Rindfleisch zahlt man im benachbarten Ausland weniger

Preise für Rindsplätzli à la minute pro Kilogramm im Jahr 2019, in Franken

Poulet ist im benachbarten Ausland massiv günstiger

Preise für Pouletbrust pro Kilogramm im Jahr 2019, in Franken

Die Annahme der MTI käme damit einem Förderprogramm für den Einkaufstourismus gleich. Günstiges Fleisch war schon bisher ein wichtiger Grund, warum Schweizerinnen und Schweizer über die Grenze zum Einkaufen fuhren. Laut Berechnungen des Ökonomen Mathias Binswanger von der Fachhochschule Nordwestschweiz dürften die Ausgaben für Fleisch fast die Hälfte der Aufwendungen für Lebensmittel jenseits der Grenze ausmachen.

Der Zug ins Ausland würde sich verstärken. Binswanger hat in einem Gutachten für den Bauernverband geschätzt, dass eine Preiserhöhung für Fleisch von 20 bis 30 Prozent in der Schweiz das Volumen des Fleisch-Einkaufstourismus um mindestens 20 Prozent erhöhen würde. Bei der Fahrt über die Grenze könnten die Schweizer zudem gleich noch andere Produkte einkaufen.

4.  Lassen sich Importe unterbinden?

Die Initianten wollen deshalb ein Ausweichen ins Ausland unbedingt verhindern. Importe von Fleisch sollen verboten werden, wenn sie nicht den strengen Schweizer Standards entsprechen.

Ob sich das umsetzen lässt, ist allerdings umstritten. Für grosse gewerbliche Importeure wie Migros und Coop liessen sich wohl Vorschriften erlassen. Aber der Bundesrat gibt im Abstimmungsbüchlein zu bedenken: «Die höheren Standards für importierte Lebensmittel umzusetzen, wäre äusserst schwierig und teuer, insbesondere bei Lebensmitteln mit Zutaten tierischer Herkunft wie Eierteigwaren, Milchschokolade oder Backwaren.» Faktisch könnten die Detailhändler wohl nur noch Produkte in Bio-Qualität importieren.

Fraglich ist zudem, ob die Schweiz gegen Regeln des Welthandels verstossen würde. Für den Bundesrat ist klar, dass die Vorgaben der MTI «internationale Handelsabkommen verletzen würden», etwa die Nichtdiskriminierungsklausel des Gatt (des Grundgerüsts des Welthandels). Damit könnten für die Schweiz vorteilhafte Handelsabkommen insgesamt gefährdet sein.

Die Initianten sind hingegen der Ansicht, dass die MTI juristisch vereinbar ist mit dem Artikel 20 des Gatt, der Diskriminierung ausländischer Produkte erlaubt «zum Schutz der öffentlichen Moral».

Vor allem die Einkaufstouristen werden sich vom Gatt und anderen Handelsregeln nicht beeindrucken lassen. Es ist weder realistisch noch sinnvoll, dass die Zöllner an der Grenze jeden Kofferraum nach Nicht-Bio-Fleisch durchsuchen. Selbst die Initianten räumen dies ein.

Der Einkaufstourismus liesse sich faktisch nicht unterbinden. Damit würde sich wohl ein erheblicher Teil der Schweizer Fleischnachfrage ins Ausland verschieben. Für die Konsumenten bliebe damit auch ein Stück Wahlfreiheit erhalten, die die MTI beim Fleischkauf im Übrigen auszuschalten trachtet.

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