Cem Özdemir (Grüne): "Wir sollten weniger Fleisch essen" - t-online

Sie haben den Eindruck, die FDP zieht bei der Agrarwende nicht mit?

Die Finanzierung der Agrarwende ist ja nicht meine primäre Aufgabe, dafür ist mein Kollege Christian Lindner als Finanzminister zuständig. Es liegen mehrere gute, machbare Vorschläge zur Finanzierung auf dem Tisch. Aber von der FDP höre ich leider bislang immer nur, was sie nicht will. Irgendwann sollte sie auch mal sagen, was sie will. Denn die Landwirte brauchen Planungssicherheit. Sie fangen erst an, ihre Ställe umzubauen, wenn sie die haben. Und im Vergleich zu anderen Ressorts geht es bei den Summen eher um homöopathische Dosen.

Die Verbraucher müssen aber erst einmal mehr zahlen – sofern sie nicht weniger Fleisch kaufen. Ist das bei den ohnehin hohen Preissteigerungen der richtige Weg?

Wir sind spät dran damit. Die Regierung vor uns hätte bessere Gelegenheiten gehabt, die Tierhaltung zu reformieren. Durch die Inflationsrate, den knappen Bundeshaushalt und den Krieg in der Ukraine sind die Rahmenbedingungen nicht einfacher geworden. Aber eine Reform ist dringlicher denn je, wenn wir nicht wollen, dass noch mehr Tierhalter aufgeben als derzeit ohnehin schon. Jeder Hof, der dichtmacht, ist ein Verlust für die Vielfalt und Stärke des ländlichen Raums.

Angesichts der vielen Krisen sollen Deutschlands Bauern mehr Getreide anbauen können, deshalb haben Sie die Vorgaben für neue Flächenstilllegungen und Fruchtwechsel für ein Jahr ausgesetzt. Greenpeace hält die Begründung der Ernährungssicherung nur für einen "Vorwand, um wertvolle Biotope unterzupflügen". Hat Greenpeace Unrecht?

Kein einziges Biotop wird untergepflügt, das ist Unsinn. Ich habe entschieden, dass bestehende Artenvielfaltsflächen nicht angetastet werden dürfen! Es geht um zusätzliche Flächen, die ab 2023 aus der landwirtschaftlichen Nutzung genommen werden sollten, um Böden und Biodiversität zu stärken. Aber Russlands Krieg gegen die Ukraine hat für viele Menschen – etwa in Afrika, Asien oder im Nahen Osten – verheerende Folgen, weil ukrainische Ernteexporte ausfallen und die Getreidepreise stark gestiegen sind. Es gehört zu Putins Strategie, für Destabilisierung zu sorgen. Um den Getreidemarkt zu stabilisieren, habe ich den Bauern die Möglichkeit gegeben, einmalig mehr zu produzieren – und ja, zulasten von mehr Naturschutz sofort. Diese Entscheidung ist mir wahrlich schwergefallen. Aber die große Richtung ist dennoch eindeutig und die heißt: Die Landwirtschaft muss und wird ihren Beitrag zum Schutz von Klima, Umwelt und Artenvielfalt leisten.

Der Bauernverband wiederum fürchtet eine "Ernährungskrise in Europa", wenn die Landwirte den Einsatz chemischer Pestizide bis 2030 tatsächlich um die Hälfte reduzieren müssen, so wie es die EU plant. Schießt der Vorschlag der EU-Kommission übers Ziel hinaus?

Ich halte nichts davon, wenn man mit der Angst der Menschen spielt und Schreckensszenarien verbreitet. Aber der Kommissionsvorschlag muss auch berücksichtigen, was Deutschland in der Vergangenheit geleistet hat. Die von der Kommission vorgeschlagenen Flächenkulissen, in denen gar keine Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden sollen, werden wir uns genau anschauen. Landschaftsschutzgebiete gibt es beispielsweise als Schutzkategorie in vielen Mitgliedsstaaten nicht. Dass diese Gebiete nun eingerechnet werden, finde ich schwierig. Da werden wir zu einer guten Lösung kommen. Die Verhandlungen gehen ja erst los.

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